> > > > > 16.09.2007
Donnerstag, 23. Oktober 2014

Stanislaw Moniuszkos Oper „Halka“ in Wroclaw

Entdeckung einer unbekannten Schönen

Die Schöne heißt Halka und ist die Hauptperson einer Oper gleichen Titels von Stanislaw Moniuszko, 1819 in der Nähe von Minsk geboren, 1872 in Warschau gestorben. ‘Halka’ gilt als die polnische Nationaloper, wurde im Rathaus zu Wilna, wo Moniuszko als Organist, später als Theaterdirigent angestellt war, in einer ersten zweiteiligen Fassung 1848 von einem Laienensemble konzertant uraufgeführt. Warschau lehnte aus Gründen der Zensur das Werk ab, der Adel kam zu schlecht weg, die Kritik am System der Leibeigenschaft barg ästhetische und politische Sprengkraft, wird doch immerhin schon beinahe das Feuer gelegt, dessen Flammen zehn Jahre nach der auf vier Akte erweiterten Warschauer Uraufführung im Jahre 1858 im polnischen Aufstand um nationale Unabhängigkeit von 1863 kräftig lodern werden. Das Libretto der Oper Halka von Wlodzimierz Wolski folgt seinem gleichnamigen Gedicht und entstand auf ausdrücklichen Wunsch des Komponisten.

Die Handlung, in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts angesiedelt, ist von balladenhafter, melancholischer Schönheit und endet im tragischen Selbstopfer Halkas. Die Musik, leitmotivisch durchkomponiert, orientiert an fließenden Melodien polnischer Volkslieder ebenso wie an den mitreißenden Rhythmen ausdrucksstarker traditioneller Tänze wie Polonäse, Mazur oder Motiven aus Tänzen der Goralen, denen Halka angehört.

Dass der Komponist die musikalischen Strömungen seiner Zeit, namentlich die des Belcanto Italiens und die eleganten Frankreichs sehr gut kannte, beflügelt und beschwingt das einerseits mitreißende und zum anderen stark berührende Werk außerordentlich gut. Interessant ist, dass es einerseits hörbare Abgrenzungen zwischen den Welten des Adels und des Volkes gibt, aber etwa im bewegten Duett zwischen Halka und Janusz, auf der Ebene des augenblicklichen Gefühls diese sich zu vermischen scheinen.

Wenn das Stück beginnt feiert Edelmann Janusz standesgemäß Verlobung mit Zofia, der Tochter des Schlossherrn und Truchsess. Aus der Ferne klingt Halkas Klagelied, die von der Verlobung nichts weiß, in das Terzett der Brautleute und des Brautvaters. Halka erwartet von Janusz ein Kind, dessen Treueschwur hält sie für wahr, was ihr Jontek, ein Bauernbursche der sie liebt, widerlegen kann. Die Geschichte geht nicht gut aus, eigentlich für keinen der darin verstrickten Menschen, tödlich allein aber für Halka. Trotz tiefer Demütigung bringt es nicht übers Herz am Ende die Kapelle samt Hochzeitsgesellschaft in Brand zu setzen, um der eigenen Leute willen, die dabei sind, so singt sie, aber mehr noch um des Menschen willen, dem ihre Liebe gilt. Halka nimmt sich das Leben, das klassische Selbstopfer als Ausweg und als Fanal zugleich, denn unter Drohungen und zornigen Gesängen des Volkes flüchtet die Hochzeitsgesellschaft in das vorerst noch sichere Schloss.

‘Halka’ war die erste Opernpremiere am 8. September 1945 im zerstörten Wroclaw. Seit dem 1. September 1947 gibt es die heutige Opera Wroclawska, die Breslauer Oper, im fast 170 Jahre alten Theatergebäude, das seit seiner umfassenden Sanierung und Restaurierung seit September 2005 aufs Schönste glänzt. Die Oper in Wroclaw unter ihrer Intendantin und Chefdirigentin Ewa Michnik hält auf die Traditionen der polnischen Musik, aber auch auf die der italienischen und deutschen, die im Breslauer Kulturleben, zu den Operntraditionen seit dem 17. Jahrhundert gehören, eine wichtige Rolle spielten und wieder spielen. Nach über 70 Jahren gibt es Wagners Ring wieder in der imposanten Riesenkuppel aus Beton, Glas und Stahl der Jahrhunderthalle von 1913. Künftig sollen Ringzyklen jede Opernsaison eröffnen und abschließen, und eine Neuinszenierung der Oper ‘Die Frau ohne Schatten’ im kommenden Jahr soll eine Neubelebung der Strausstraditionen an der Breslauer Oper einleiten.

Moniuszkos ‘Halka’ wurde in Wroclaw seit 1945 über zehnmal inszeniert. Derzeit läuft eine Version der Oper in der Inszenierung von Laco Adamik und Ausstattung von Barbara Kedzierska mit Choreografien von Irina Mazur. Ein symbolistisches Farb- und Bilderspiel, das jeden Historismus vor allem aber wohl jedes folkloristische Element streng vermeiden will. Weiß und Schwarz, streng getrennt, stilisierte Eleganz der Operette beim Adel in weiß, ebenso stilisierte Kraft und Ursprünglichkeit beim Volk in zeitlosem Schwarz flotter Burschen und biegsamer schöner junger Frauen. Einzelne, minimale Vermischungsassoziationen verstören sanft. Von gleicher roter Farbe für alle das Blut, das sich in einer Pantomime zwischen Halka in schwarz und Janusz in weiß während der Ouvertüre im Liebesspiel vermischt, um fortan im leider zu minimal geratenen Zeichen eines roten Tuches an die Gleichheit des Lebens in seinem Ursprung zu gemahnen. Die Inszenierung spielt mit räumlichen Effekten, wie oben und unten, die aber ob ihrer zu großen Allgemeinheit bald an Stringenz verlieren. Dass alles unterm kalten Licht eines Eiskristalls aus Neonröhren, in einer Szene, in der so scharfe wie spitze Eiszapfen zwischen die Menschen von oben herabfahren, ohne Rücksicht auf deren durch die Fülle aller vorhanden Farben oder durch das völlige Fehlen derselben, angezeigten gesellschaftlichen Zugehörigkeit spielt, scheint keinen der hier agierenden Menschen mehr zu stören. Hier wie dort, Arrangements mit unabänderlichen, sanft an die Gegenwart geführten Situationen, hier wie dort kein Raum für Außenseiter, denen der Absturz bleibt. Jontek stürzt Alkohol in sich hinein, Halka stürzt sich in das verstörende weiße Licht einer ungenauen Bühnentiefe.
Folgenloses Unglück. Größeres Unglück kann es kaum geben. Eine Idee, die durch die Unschärfe ihrer Realisierung selbst folgenlos für die Verbindlichkeit der Aufführung bleibt. 

Schade, dass dem Regisseur bei der Führung der Menschen zu viele Rampenarrangements üblicher Opernklischees unterlaufen, dass die Choreografien der beiden Tänze, die Mazurka der Festgesellschaft und der Goralentanz des Volkes, zu sehr nach Showeffekten der TV Ästhetik schielen.


Musikalisch erlebt man eine erfreulich frische Aufführung im nahezu ausverkauften Haus bei recht jungem Publikum am Sonntagnachmittag. Der kräftige Chor jugendlicher Sängerinnen und Sänger hat Ausstrahlung und Präsenz, ebenso die acht Damen und acht Herren der Truppe vom Ballett der Oper in Wroclaw. Etwas mehr Pfiff und Temperament, größere Spannungsbögen und pointiertere Rhythmen täten der musikalischen Wiedergabe unter der Leitung von Tomasz Szreder insgesamt gut. Dem Ensemble der Sängerinnen und Sänger hört man sehr gerne zu, Enttäuschungen gibt es nicht, dafür Überraschungen, Kraft und Dynamik, Dramatik und Lyrik, anhaltende Steigerung, besonders bei dem Tenor Krysztof Bednarek als Jontek und vor allem bei der Sopranistin Monika Swiostek als Halka.

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Kritik von Boris Michael Gruhl

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Opera Wroclawska/Breslauer Oper : Stanislaw Moniuszko, Halka

Ort: Oper, 16.09.2007

Mitwirkende: Stanislaw Moniuszko (Solist Gesang)

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