Berlin > Ballhaus Naunynstrasse - 11.05.2007 Berlin, Ballhaus Naunynstraße > Die Geschichte vom Soldaten
Kritik von Boris Michael Gruhl
Berlin Kreuzberg, mitten drin, in einem Hinterhof, nicht weit von der ‘Linie Eins’, das Ballhaus Naunynstrasse. Der Saal mit Stuck und Resten freigelegter Ausmalungen, eine Minibühne für die Tanzmusik von einst. Im Eingangsbereich Plakatierungen und Postkartenangebote von heute, ganz andere Ästhetiken des Vergnügens, tiefhängende Jeans beim Publikum, das jetzt in den Saal drängt. Zum Tanz wird heute auch gebeten. Zum Totentanz nach den Geigenklängen des Soldaten und Trommeln des Teufels.
Ein Jahr nach Ende des Ersten Weltkrieges schrieb Igor Strawinsky ‘Die Geschichte vom Soldaten’ für Erzähler, zwei Schauspieler, eine Tänzerin und sieben Instrumente. Eine kleine Geschichte nach Motiven zweier russischer Märchen. Die weite der Dimensionen aber beginnt auch hier, wenn im Zusammenspiel von Klang und Wort und Raum Menschen und Musik zusammentreffen, wenn eine Frau und ein Soldat einander begegnen, dabei der Soldat in tief empfundener Trinität sich selbst begegnet als junger, großer und kleiner Soldat.
Wir wohnen einer so spannenden wie verstörenden aber auch unterhaltenden Visualisierung einer vorwiegend musikalisch erzählten Geschichte vom ewigen Soldaten bei, vom Wanderer zwischen Leben und Tod, zwischen Liebe und Verführung, zwischen Blendung und Erkenntnis, zwischen Tanz und Trauer.
Um zu hören und zu sehen blicken wir in den Tanzsaal mit seiner kriegsversehrten Unordnung, wie sie Mira Voigt assoziativ mit authentischen Gegenständen angeordnet hat. Umgestürzte Stühle, ein altes Radio, ein Bett, ein wackliger Schrank, Reste einer bunten Festbeleuchtung und mitten drin so eine temporäre Strandbar. Gefeiert wird immer, gesungen und gespielt auch, geliebt und getrauert ebenso. Es wird aber auch mit Flüssigkeiten im Verlauf des zündenden Abends gespielt, die ‘Brände’ löschen oder mit denen Brände gelegt werden.
Hendrik Müller führt Regie, er lässt zunächst die Musik in den künstlichen Kriegsschauplatz, der für etliche reale der Geschichte und Gegenwart steht, einströmen. Das Spiel beginnt und bevor Iannis Xenakis´ Voile für zwanzig Streicher erklingt, wird der Krieg geboren. Die Klänge der Streicher schreien, flüstern, wispern. Schmerz hat Klang. Schrecken auch. Xenakis, der 2001 fast 80jährig starb, hatte im griechischen Widerstand gegen die Deutschen erfahren was Krieg ist, er wurde schwer verletzt im Gesicht und zum Tode verurteilt. Er hat überlebt, seine Musik gilt es neu zu entdecken. Das Werk dieses Abends, 1995 entstanden, weht schneidend über das Schlachtfeld im Tanzsaal in dessen Mitte der Dirigent Julian Kuerti aus der Strandbar heraus mit einem Knüppel dirigiert. Das Bild ist gespenstisch, einer jener Theatermomente, die kommentarlos Bestand haben.
Der optischen folgt die musikalische Verblüffung, wenn bearbeitet für vier Celli, Musik aus Heinrich Schütz´ ‘Kleine geistliche Konzerte’ übergangslos erklingt und von einem der grausigsten Kriege des zwanzigsten Jahrhunderts die Spur zu den Schlachtfeldern des Dreißigjährigen Krieges führt. Und überall und nirgends dazwischen marschiert der Soldat nach Strawinskys Schmettertönen, bedient sein Instrument, die Waffe, zärtlich wie die Geige, lässt sich satanisch verführen und erliegt dem ewigen Bluff, dass die Waffe das wichtigste aller Instrumente sei. Der Krieg selbst kommt ja in dieser Geschichte vom Soldaten nicht vor, nur seine Folgen sind allgegenwärtig, die Zerstörung von Landschaft und Menschen, von Vergnügen und Liebe. Strawinskys Soldat ist ein ewiger, einsamer Wanderer, aus der Welt gefallen, sich selbst abhanden gekommen, der überlebende Tote, das davon gekommene Opfer einer ewigen Opferideologie.
Zu diesem szenischen Kommentar auf die musikalischen Auf- und Anreize, haben sich die Mitglieder des Septetts ebenso im verwüsteten Raum verteilt wie die Protagonisten, angetrieben, eingetaktet, angehalten und wiederum auf Wanderschaft geschickt durch einen Dirigenten, der jetzt mit bleich geschminktem Gesicht gottähnlich von einem Hochstand her sein Regiment führt. Die Wanderung durch die Zeiten der Kriege hat immer wieder Momente der Stille. Kleine Hoffnungen. Dann klingt – wiederum für vier Celli gesetzt – ‘Ave coeli munus supernum’ von Jean-Baptiste Lully wie das Continuum ewiger Klage durch den Raum.
Am Ende haben wir einen Abend des Musiktheaters erlebt, der seinem Anliegen in hohem Maße gerecht wird. Klangbilder und musikalische Assoziationen zu existenziellen Verunsicherungen der unbesiegbaren, unendlichen Geschichte vom Soldaten, dem die Protagonisten Katharina Bek als Elle, sowie Raphael Kübler als junger, Gero Bublitz als großer und Tino Breitbart als kleiner Soldat, Gestalten geben. Szenisch, in enger Korrespondenz zur Musik ist Hendrik Müller keine perfekte, aber sehr poetische Annäherung an ein schwieriges Thema in assoziativen Bildern gelungen. Zu bewundern sind die Brillanz und Präsenz der Instrumentalisten unter der so energischen wie sensiblen Leitung von Julian Kuerti.
Berlin Kreuzberg. Mitten drin. Junges Musiktheater, junges Publikum, ganz nah dran am Klang der Zeit, ganz fern von schrillem Schnickschnack und billigem Zeitgeist.
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