> > > > > 31.03.2006
Samstag, 2. August 2014

Konzertserie ‚Film und Musik’ in Amsterdam

Das neue Babylon

Es scheint ein neuer (lang überfälliger) Trend zu sein: die Wiederentdeckung von Stummfilmen aus der Zeit vor 1930, begleitet von symphonischer Live-Musik – wie es damals in den großen Kinosälen der Welt üblich war. Und plötzlich begreift man, was für wahnsinnig eindrucksvolle Erlebnisse diese Filme einmal gewesen sind. Man begreift auch, wie viel besser (in künstlerischem Sinn) viele der großen Stummfilme waren, als die kurz darauf entstandenen Ton-Filme. Diese waren so sehr mit den Problemen der Ton-Aufnahme beschäftigt, so sehr besessen von der Neuigkeit des Spracheffekts, dass sie das optische Element vernachlässigten. Was von Filmfans damals lautstark beklagt wurde. Sie wollten, allen Ernstes, den Stummfilm zurück, weil sie ihn für überzeugender hielten.

Man konnte sich das lange nur schwer vorstellen, weil die entsprechenden Stummfilme entweder nicht zugänglich waren oder falls doch, dann ohne Musik oder mit neu komponierter Musik, oft von einer Rockband gespielt, oder lediglich von einem Synthesizer begleitet. Erst in den letzten Jahren wurden die filmischen Schätze mit der dazugehörenden Musik dem Publikum neuerlich vorgestellt. Und langsam setzt sich in den Konzertsälen der Trend durch, die teils von berühmten Komponisten geschaffene Musik zusammen mit den Filmen als Einheit neu zu präsentieren. (Bravo!)

Ein vorbildliches Beispiel hierfür ist die Serie ‚Film und Musik’ des Amsterdamer Muziekgebouw aan’t IJ. Dort passt das Konzept besonders gut zum Haus, da es sich vor allem der Modernen Musik verbunden fühlt – und Stummfilmmusik nunmal überwiegend Musik von vor 1930 ist, dem Goldenen Zeitalter der Modernen Musik.
Nachdem das Muziekgebouw bereits im Oktober 2005 den spanischen Film ‚La Revoltosa’ aus dem Jahr 1924 gezeigt hatte, nach der berühmten gleichnamigen spanischen Operette von Ruperto Chapí y Lorente, und ebenfalls im Oktober 2005 Friedrich Wilhelm Murnaus ‚Faust, eine deutsche Volkssage’ gelaufen war, offerierte man nun zum Abschluss der Reihe den sowjetischen Klassiker ‚Das neue Babylon’ von Grigory Kosinzew und Leonid Trauberg – mit der genialen Musik des damals 22-jährigen Dimitri Schostakowitsch. Der war erst drei Jahre zuvor mit seiner 1. Sinfonie weltberühmt geworden, die er als Abschlussarbeit am Konservatorium geschrieben hatte.

Schon während seiner Studentenzeit hatte Schostakowitsch sein Geld als Stummfilmpianist verdient und sich besonders für Charlie Chaplin begeistert. Als Klavierbegleiter lernte er die revolutionären Techniken der sowjetischen Avantgarde kennen – Regisseur Kosinzew war nur anderthalb Jahre älter als Schostakowitsch und blieb nach der gemeinsamen Arbeit an ‚Das neue Babylon’ lebenslang sein Freund.
Der Film über den blutigen Aufstand der Pariser Kommune 1871 rund ums Wahrenhaus ‚Nouvelle Babylon’ wurde nach dem Prinzip der Montage strukturiert, und diese Schnitttechnik übernahm Schostakowitsch auch für seine Musik – nicht nur für die Filmmusik, sondern auch in seinen Symphonien und Opern. Was er ebenfalls mit den Filmavantgardisten gemeinsam hatte, war das Prinzip der Stilisierung. Gefühle wurden ‚dargestellt’, nicht ‚nachempfunden’. Die Musik steht also permanent in Anführungszeichen.

In ‚Das neuen Babylon’ werden Walzer und Can Cans Offenbachs mit Revolutionsliedern brillant gegengeschnitten. Der Effekt ist überwältigend, auch deshalb, weil die Bilder dieses Films so überwältigend sind. Beim Betrachten der genialen Schnitte und Sequenzen begreift man, warum 1930 so viele Filmfans die neuen, viel zahmeren Tonfilme verdammten und sich nach den alten Stummfilmen zurücksehnten.
Während der Vorspann des Films abläuft, erklingt nach dem obligatorischen Trompetensignal eine Musik wie aus der Giftküche Offenbachs, lustig und satirisch zugleich. Sie begleitet auch die folgenden Szenen in dem Pariser Kaufhaus, Szenen des Luxus und der Frivolität, in denen nur ein Mensch nicht glücklich ist: die kleine Verkäuferin Louise (modelliert nach der gleichnamigen Oper von Gustave Chapentier).

Die Pariser Bourgeoisie feiert gespenstisch in ausgelassenster Stimmung den Krieg mit Deutschland und den Sturz des Kaiserreichs 1871. Sie will nichts wissen von der Not der kleinen Leute in den Arbeitervierteln, wegen denen Louise sich dem Arbeiteraufstand der Pariser Kommune anschließt – und sich in einen der ‚feindlichen’ Soldaten verliebt. Großes Melodrama ist vorprogrammiert.
Die Pariser Kommune gehörte - nicht zuletzt weil Karl Marx einen berühmten Essay darüber geschrieben hatte - zu den Mythen der Bolschewiki. Sie galt als eine Vorläuferin der eigenen Oktoberrevolution. Es war also nicht verwunderlich, dass die avantgardistischen Regisseure Kosinzew und Trauberg zehn Jahre nach der Revolution auf die Idee kamen, darüber einen Film zu drehen.

Von Kosinzew und Trauberg war natürlich kein bloß chronologischer Historienfilm zu erwarten. Schließlich waren sie die Gründer der ‚FEKS’: der ‚Fabrik des exzentrischen Schauspielers’. Von solchen exzentrischen Schauspielern sieht man in ‚Das neue Babylon’ einige, fantastische Charaktertypen, die die Geschichte eindrucksvoll mit prallem Leben füllen.

Die Musik, die Schostakowitsch für diesen Streifen schrieb, war technisch so kompliziert zu spielen (besonders der mörderische Trompeten-Part), dass sie die an einfachere Kost gewöhnten russischen Filmorchester 1929 nicht bewältigen konnten. Der Film (und die Musik) war dadurch anfangs ein Flop – schnell wurde dem Streifen ein anderer, konventionellerer Soundtrack unterlegt. Schostakowitschs Musik wurde vergessen und erst 1975 (!) wiederentdeckt.
1982 meldete dann die Zeitschrift ‚Afterimage’, die Filmmusik Schostakowitschs zu ‚Das neue Babylon’ sei die beste, die er jemals geschrieben hätte. Darüber könnte man sicher debattieren. Auf alle Fälle enthält die Partitur viele Elemente, aus denen später die Musik zu ‚Lady Macbeth von Mtsensk’ und einige der Symphonien entstanden sind.
In Amsterdam war eine fulminante Wiedergabe der ‚Babylon’-Partitur durch Het Gelders Orkest unter Leitung des Filmmusik-Spezialisten Timothy Brock zu hören. Wer in den folgenden Tagen Zeit hat, sollte unbedingt zu einer der Folgeaufführungen dieses ‚Film und Musik’-Konzerts gehen, beispielsweise am 2. April in Arnhem und am 4. April in Nijmegen.

Grundsätzlich kann man sagen, dass diese Reihe im Muziekgebouw aan’t IJ – entstanden in Zusammenarbeit mit der niederländischen Stiftung ‚Film in Concert’ – ein voller Erfolg war. Und es wäre sehr zu wünschen, dass hier in der nächsten Saison mehr als nur drei Stummfilme mit Live-Musik gezeigt werden. Denn neben den großen Klassikern des avantgardistischen Kinos gibt es natürlich auch Hunderte von Opern- und Operettenstummfilmen, die nach einer Wiederentdeckung/Belebung geradezu schreien. Es sei an die wunderbare ‚Lustige Witwe’ von 1925 erinnert (Regie: Erich von Stroheim) oder an ‚Das weiße Rössl’ von 1926 (Regie: Richard Oswald, Musik: Werner Richard Heymann!!!). Oder an all die Stummfilme von Ernst Lubitsch, aus denen später berühmte Operetten wurden (‚Madame DuBarry’) oder die direkt Verfilmungen berühmter Operetten der Zeit waren.
Diese Schätze zu heben und so wie in Amsterdam mit Genuss zu konsumieren, ist eine lohnende Aufgabe. Idealerweise kämen diese Streifen dann auch mit dem entsprechenden Soundtrack auf DVD heraus (das Amsterdamer Filmmuseum hat das vor einem Jahr am Beispiel eines Billy Wilder Stummfilms vorgemacht).

Denn es gibt nichts frustrierenderes, als in Theater-, Film- und Musikbüchern von diesen Titeln zu lesen, die Poster zu bewundern und die Fotos zu bestaunen – und dann den Film in seiner ganzen Glorie nicht sehen zu können.

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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Das neue Babylon: Konzertserie ‚Film und Musik’ in Amsterdam

Ort: Muziekgebouw aan't IJ, 31.03.2006

Werke von: Dimitri Schostakowitsch

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