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Berlin > Renaissance-Theater - 05.07.2008
Schwulen-Ikone als Operndiva > Deutschsprachige Erstaufführung des US-Stücks

Kritik zu Schwulen-Ikone als Operndiva (Renaissance-Theater Berlin)

Phantasie übers Leben von Florence Foster Jenkins

Kritik von Dr. Kevin Clarke

Es gelingt wenigen Opernsängerinnen, Popstar-Status zu erlagen, zu Diven zu avancieren, die kultartig verehrt und mit Leidenschaft von breiten Bevölkerungsschichten geliebt werden. Florence Foster Jenkins ist zweifellos solch eine Diva. Jeder, der sich auch nur vage für Oper interessiert, und noch viel mehr Menschen, die sich eigentlich überhaupt nicht dafür interessieren, kennen sie und ihre Aufnahmen, in denen sie die großen Koloraturarien des Sopranrepertoires mit allergrößter künstlerischer Ernsthaftigkeit so zwerchfellerschütternd falsch singt, ohne das selbst zu merken und ohne sich dadurch auch nur eine Sekunde verunsichern zu lassen, dass man als Zuhörer fassungslos lauscht und dem ‚Jenkins Zauber’ erliegt. Mit Tränen in den Augen, vor Lachen.
Es gab später viele Sängerinnen, die versuchten, das Jenkins-Konzept des ‚schlechten Singens’ zu kopieren, besonders in den 1970er Jahren gab es in den USA zahllose TV-Shows mit Trash-Diven, die nach der Jenkins-Krone griffen. Aber keine von ihnen konnte als Name ins allgemeine Bewusstsein durchdringen, keine von ihnen schaffte die einzigartige Balance zwischen Ernsthaftigkeit und Lächerlichkeit, keine von ihnen konnte auch die Herzen so berühren. Offensichtlich hatte keine von ihnen die – trotz aller stimmlicher Defizite – nicht zu überhörende Starqualität von ‚Lady Florence’, war keine von ihnen ein solches Mysterium.
 
Jahrelang gab die Millionen-Erbin im Ritz Carlton Hotel in New York einen Charity Arienabend für ihre Society Freunde, begleitet vom Pianisten Cosme McMoon. Diese Konzerte wurden schnell so legendär und erfolgreich, die Plattenaufnahmen von u.a. ihrer Königin der Nacht solche Verkaufsschlager, dass Jenkins 1944 eingeladen wurde, in der Carnegie Hall aufzutreten, die innerhalb von Stunden restlos ausverkauft war. Von diesem Konzert existiert ein Mitschnitt (inzwischen bei Naxos erschienen), der bis heute in keiner Opern-Plattensammlung fehlen darf. Zum Zeitpunkt des Carnegie Hall Auftritts – bei dem Jenkins zu jeder Arie ein anderes Kostüm anhatte, von Schäferin bis Engel mit Flügeln – war Madame Jenkins 76 Jahre alt. Kurz danach starb sie, im festen Glauben, eine der größten Sopranistinnen aller Zeiten gewesen zu sein. Und in gewisser Weise hatte sie da durchaus Recht: Ihr gelang das, was viele nie schaffen, nämlich eine Ikone zu werden. Das war in solchen Ausmaßen sonst nur noch die Callas.
 
Seltsamerweise wurde über das skurrile Leben der in Pennsylvania geborenen Bankierstochter Wilkes Barre bislang keine Biografie geschrieben, obwohl ihre Vita sicher ein dankbarer Stoff für jeden Biografen wäre. Dafür hat der amerikanische Dramatiker Stephen Temperley 2004 ein Zwei-Personen-Stück mit dem Titel ‚Souvenir: Eine Phantasie über das Leben der Florence Foster Jenkins’ herausgebracht, in dem der Pianist Cosme McMoon, vom Klavier aus, von der musikalischen Karriere der Jenkins erzählt. Man verfolgt die Geschichte vom ersten Zusammentreffen der Sängerin mit ihrem Begleiter, erlebt Madame bei den Proben, im Studio und beim finalen Carnegie Auftritt, dessen schallendes Gelächter ihr (in dieser Theaterfassung) das Herz bricht. Mit dem Tod der greisen, geistig verwirrten Diva endet der Abend. Gespenstisch und erschütternd. Aber auch bewegend.

Deutsche Erstaufführung

Im Berliner Renaissance Theater erlebte diese ‚Phantasie’ nun ihre deutschsprachige Erstaufführung und trumpft mit einem Besetzungscoup. Denn die stimmlose Trash-Diva Jenkins wird von der notorischen Trash-Ikone Désirée Nick gespielt. Und um es gleich zu sagen: La Nick macht das außergewöhnlich gut. Sie versucht nicht, sich optisch in die ‚echte’ kleine plumpe Jenkins zu verwandeln (wie man sie von ihren Plattencovern kennt), sie bleibt immer die elegant-schlanke Nick, inklusive des Markenzeichen-Lispeln. Dennoch glaubt man ihr die Rolle. Das liegt auch daran, dass sie die Live-Gesangsnummern einzigartig gut bringt. Um derart perfekt falsch singen zu können, um derart exakt die berühmten Jenkins-Töne zu treffen, muss man sehr, sehr musikalisch sein. Désirée Nick ist das und erntet mit den diversen Arien des Abends minutenlangen Beifall. Zurecht. Bei 'Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen' weiß man teils nicht, ob man Jenkins oder Nick hört, so perfekt gelingt die Verschmelzung von Original und Kopie.
Am Ende schafft die meist karikaturhaft überzeichnenden Nick sogar ein Moment von echter Erschütterung: Als sie im Engelskostüm das ‚Ave Maria’ singt, in der Carnegie Hall-Szene, wird der Gesang überlagert von immer lauter werdendem Gelächter. Und man sieht im Gesicht der Nick, dass ihre Jenkins hier erstmals merkt, dass etwas nicht stimmt. Der Moment des Zusammenbruchs ist – besonders nach den hillarischen Momenten zuvor – gespenstisch. Und ganz groß.
 
Nicht ganz so groß, als schauspielerische Leistung, ist Lars Reichow als schwuler McMoon. Auch er bleibt in der Regie von Torsten Fischer weitgehend er selbst, schafft damit aber, anders als Nick, kein echtes Rollenporträt. Dadurch fehlt der Nick im Laufe des Abend ein vollwertiger emotionaler Gegenspieler. Was dem Stück viel von seiner (durchaus vorhandenen) Kraft nimmt. Immerhin spielt Reichow perfekt Klavier und begleitet die Gesangssoli der Nick hervorragend. Und er wirkt sympathisch. Quasi als Identifikationsfigur fürs Publikum.

Primadonnen-Doppel

Nachdem die Komische Oper Berlin jüngst mit Dagmar Manzel eine Schauspielerin fürs Musical- und Operettenrepertoire des Hauses entdeckt hat, wäre es nach dieser phänomenalen vokalen Leistung zu hoffen, dass auch Désirée Nick schnell an die Behrenstraße engagiert wird. In ‚Souvenir’ singt sie unter anderem die Arie der Adele aus der ‚Fledermaus’, während Dagmar Manzel kürzlich in Potsdam als Rosalinde brillierte. Man stelle sich vor, die beiden Diven würden zusammen in einer ‚Fledermaus’ aus Primadonnen-Doppel auftreten – ohne jeden Zweifel wäre das Theater ausverkauft. Im Grunde müsste so ein Doppel von Schwulen-Ikonen wie Manzel und Nick ganz auf der künstlerischen  Wellenlänge des neuen Intendanten der Komischen Oper, Barrie Kosky, liegen. Und wo, wenn nicht in Berlin, könnte solch ein Experiment mit Sicherheit erfolgreich sein?

Titel: Schwulen-Ikone als Operndiva: Deutschsprachige Erstaufführung des US-Stücks

Ort: Renaissance-Theater

Datum: 05.07.2008

Werke von:

Mitwirkende:

Thorsten Fischer (Inszenierung)

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