'Die Frau ohne Schatten' in Salzburg
Missraten - mäßig - grandios
"Der unfruchtbare Feigenbaum wird ausgerottet und in's Feuer geworfen." Denn "die Geschlechter steigen an ihrer langen Kette nieder bis zu den jüngsten: aber wahrhaft ausgetilgt, verloren gegangen für jede Zeit ist nur er allein; denn sein Dasein hat kein Bild geprägt, und seine Spuren gehen nicht mit hinunter in dem Strome der Zeit." Dieses Wort stammt zwar nicht aus der 'Frau ohne Schatten', sondern aus dem "Hagestolz" von Adalbert Stifter, den Hofmannsthal übrigens sehr schätzte, aber es könnte doch gleichsam als Motto dem Operntext vorangestellt werden. Denn darum geht es: sich einzureihen in den Reigen der Geschlechter, Teil der "Brücke" zu sein, "die sich über den Abgrund spannt, auf der die Toten wiederum ins Leben gehen", so die "Stimmen der Wächter" am Ende des ersten Aufzugs. Wem dies nicht gelingt, wer also keine Nachkommen hat, der "versteinert" (dem Kaiser droht dieses Schicksal), oder er ist eben nicht Teil der Menschenwelt, wie die Prinzessin es nicht ist, bevor sie einen Schatten wirft, will heißen: schwanger wird. Auf diesen einfachen Nenner ließe sich Hofmannsthals oft so kryptisches Libretto vielleicht bringen. Dass ein solches Ordnungsmodell der Gesellschaft gerade in Krisenzeiten anziehend erscheint – die Oper wurde nach dem Ersten Weltkrieg 1919 in Wien uraufgeführt –, liegt auf der Hand. Insofern ist es erst einmal eine durchaus stimmige Idee, die Handlung in einer anderen Krisenzeit anzusiedeln, das Stück also nach dem Zweiten Weltkrieg spielen zu lasen, genauer gesagt: es in die Wiener Sophiensäle zu verlegen, in welchen Karl Böhm 1955 die erste Gesamteinspielung der Oper vornahm und die Johannes Leiacker für die Bühne des Großen Festspielhauses in Salzburg nun detailgetreu rekonstruiert hat.
Der Zuschauer sieht also, wie Sänger Strauss' große Oper einsingen und wie sie sich mehr und mehr mit den Figuren, die sie darstellen, identifizieren. Die spannende Frage könnte also sein, warum Menschen der 50er Jahre sich angesprochen fühlen von diesen märchenhaften Kunstfiguren, die Hofmannsthal kreiert hat. Leider vermittelt sich davon rein gar nichts. Wie soll denn auch dargestellt werden, dass die Sänger einmal nur ihre Partien singen und also als Kaiserin, Barak oder Färberin sprechen, dann aber auch gewissermaßen als Privatperson agieren? Die Oper erlaubt diese Zweiteilung nicht. Für die Inszenierung hat das verheerende Folgen, und man muss kein Genie sein, um sie zu ahnen: Die Aufnahmesituation ist alles, was bleibt, die Geschichte von der Frau ohne Schatten wird nicht erzählt. Gähnende Langeweile breitet sich aus. Nur eine Frage drängt sich auf: Wie konnte es passieren, dass Christof Loy, dieser erfahrene, routinierte Regisseur, nicht gemerkt hat, dass sein Konzept überhaupt nicht trägt, dass seine Idee für einen Aufsatz im Programmbuch sicherlich tauglich wäre, auf der Bühne nicht überzeugen kann? Furcht vor dem schwierigen Text? Das Unvermögen, für dieses Märchen adäquate Bilder zu finden? Wie auch immer: Eine konzertante Aufführung wäre allemal besser gewesen als diese vollkommen missratene Produktion, - dann zumal, wenn das Geld für Bühne und Ausstattung gespart, stattdessen aber in eine glanzvollere Besetzung investiert worden wäre.
Auch mit den Sängern nämlich wird man nicht so recht glücklich. Kraftlos wirkt Wolfgang Koch als blasser Barak, dem sein Weib nicht nur mit ihren Launen, sondern bestimmt auch mit ihrem scharfen Vibrato das Leben schwer macht. Übertroffen wird Evelyn Herlitzius als Färberin darin nur noch von Michaela Schusters Amme, deren Dauer-Tremolo jede differenzierte Rollengestaltung unmöglich macht. Etwas lyrischer, aber in den Höhen zu dünn und angestrengt klingt die Kaiserin der Anne Schwanewilms. Stephen Gould schlägt sich achtbar als Kaiser, kann aber keine Glanzpunkte setzen, da ihm die Leichtigkeit für diese Partie fehlt. Loys Einfall, auf die Böhm-Aufnahme anzuspielen, lässt im Kopf des Salzburger Festspielgastes natürlich die großen Namen und Stimmen der Vergangenheit lebendig werden. Daneben kann sich die aktuelle Besetzung nur schlecht blicken lassen. Mit Ausnahme Christian Thielemanns und der Wiener Philharmoniker, die mit einer Feinheit und Beweglichkeit musizieren, die allen Schönklang, dessen sie fähig sind, und alle Klanggewalt, die sie aufbieten können, in so reichem Maße verschwenden, dass einem gelegentlich der Atem stockt. Dafür lohnt diese 'Frau ohne Schatten' dann doch. Schade nur, denkt man sich, dass Strauss aus Hofmannsthals Text eine Oper und keine symphonische Dichtung gemacht hat. Das Glück könnte vollkommen sein.
Kritik von Christian Gohlke
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Strauss: Die Frau ohne Schatten: Salzburger Festspiele
Ort: Großes Festspielhaus, 04.08.2011
Werke von: Richard Strauss
Mitwirkende: Christian Thielemann (Dirigent), Wiener Philharmoniker (Orchester), Christoph Loy (Regie), Stephen Gould (Solist Gesang), Anne Schwanewilms (Solist Gesang), Michaela Schuster (Solist Gesang), Evelyn Herlitzius (Solist Gesang), Wolfgang Koch (Solist Gesang)
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