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Lörrach > Burghof - 02.03.2010
Vivaldi/Rebel: 4 Elemente - 4 Jahreszeiten > Ein choreografisches Konzert

Kritik zu Vivaldi/Rebel: 4 Elemente - 4 Jahreszeiten (Burghof Lörrach)

Heitere Überschreitungen

Kritik von Aron Sayed

 Akademie für Alte Musik Berlin

Nachdem das vielbejubelte choreographische Konzert '4 Elemente – 4 Jahreszeiten' mit Juan Kruz Diaz de Garaio Esnaola und der Akademie für Alte Musik Berlin bereits unter anderem in Berlin, Paris, Utrecht und Istanbul zu erleben war, gab es nun auch ein Gastspiel im südbadischen, an der Grenze zur Schweiz gelegenen Lörrach. Die Bezeichnung choreographisches Konzert trifft das, was man an diesem Abend im Burghof geboten bekam, gleich auf mehrfache Weise. Im ersten Teil ist die gewohnte räumliche Trennung von Tanz (Choreographie) und Musik (Konzert) noch stabil. Esnaola bewegt sich meist im Vordergrund der Bühne zu Jean-Féry Rebels Suite 'Les éléments', die im Hintergrund von der halbkreisförmig aufgestellten Akademie für Alte Musik gespielt wird. Im zweiten Teil dann werden die aufführungspraktischen Grenzen überschritten, die uralten Verhaltenskonventionen des Ritus' Konzert für die Dauer von Antonio Vivaldis 'Vier Jahreszeiten' außer Kraft gesetzt. Choreographie und Konzert sind zu etwas Neuem zusammengewachsen.

Zum Glück, lässt sich sagen. Denn es gibt im Jahr 2010 kaum eine verstaubtere und langweiligere Angelegenheit als 'Le quattro stagioni', diesen millionenfach aufgeführten Zyklus, im Konzert einfach nur zu spielen. Auf der anderen Seite aber will man auf diesen Vivaldi auf keinen Fall verzichten, Entsagung löst nicht das Problem. Man kann Akamus und Esnaola also im Grunde nur dankbar sein, denn durch ihre eigenwillige, gleichwohl stimmige wie überzeugende Version haben sie Vivaldis vier Violinkonzerte gewissermaßen vor dem Verstummen gerettet. Und als wäre das noch nicht genug, werden durch das ‚Choreographieren‘ des Orchesters an den 'Vier Jahresezeiten' ganz neue Seiten entdeckt beziehungsweise alte so ins Licht gerückt, dass sie überhaupt erst richtige Beachtung erfahren. Indem etwa die Vogelgezwitscher nachahmende Gruppe der Violinen im ersten Satz des 'Frühlings' auf der Bühne spazierengeht, wird es erst möglich, die einzelnen Vogelstimmen-Imitationen dem jeweiligen Spielenden zuzuordnen. Im zweiten und dritten Satz des Sommers hingegen wandert das Donnergrollen innerhalb der einzelnen kleinen Orchester, auf die sich Akamus vorübergehend verteilt hat, hin und her.

Freilich haftet den das musikalische Geschehen begleitenden Handlungen zuweilen auch etwas von karnevalistischer Heiterkeit an (daher vielleicht die vereinzelten Buh-Rufer am Ende, denen es wohl nicht "ernst" genug war). Im ersten Satz des 'Herbstes' zum Beispiel darf man eine geistreiche Variante der Ernte beobachten, wenn Esnaola jedem Musizierenden einen Apfel auf dem Kopf platziert, der von dort natürlich bald wieder herunterfällt, nur um von Esnaola wieder aufgelesen zu werden: Hier sind Instrumentalisten zur Abwechslung mal Bäume. Genauso jedoch gelangt man im zweiten Satz des 'Herbstes' in den Genuß einer wunderschönen poetischen Szene: Midori Seiler, die in diesem Satz als Solistin schweigt, verharrt wie ein Stein im Wald, um sich von Esnaola, dem personifizierten Herbst, mit Blättern zudecken zu lassen (dasselbe passiert im 'Winter' mit Schnee).

In 'Les éléments' dagegen konzentrieren sich die sichtbaren Bewegungen in Esnaola selbst. Jedoch verläuft auch hier die alle zehn Tanzsätze überspannende Handlung zyklisch: Ein aus dem Chaos der Anfangsmusik nach und nach hervorgehender Mensch setzt sich stufenweise mit den vier Elementen Erde, Wasser, Feuer und Luft auseinander, um am Schluß wieder zu vergehen (und in den 'Vier Jahreszeiten' aufzuerstehen). Esnaolas Choreographie verbleibt dabei die meiste Zeit auf der Ausdrucksebene. Sein Tanz, der auch im Zeichen der leidvollen Abhängigkeit vom eigenen Körper steht, dem mühsamen Erlernen des Sichbewegens, kontrastiert dabei wirkungsvoll mit dem unbesorgten Plapperton und ungebrochenen Schwung der Tänze Rebels. Manchmal wirkt die dadurch entstehende Reibung zwischen Musik und Tanz wie böse Ironie. Die meiste Zeit aber fungiert die Musik wie eine Art dämpfender Schleier, der sich über Esnaolas getanzten Konflikt legt. Dass diese zweite Sichtweise zwingender erscheint, legt zumindest der Schluss nahe, wenn sich die Musizierenden um den sterbenden Menschen versammeln, ihn einschließen, er wortwörtlich im Schoß der Musik geborgen wird.

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