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Veranstaltungskritiken

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Berlin > Konzerthaus - 06.01.2010
Die Kandidaten für das Leipziger Thomaskantorat > Akademie für Alte Musik Berlin

Kritik zu Die Kandidaten für das Leipziger Thomaskantorat (Konzerthaus Berlin)

Bewerbungsunterlagen vom Schönsten

Kritik von Tobias Roth

 Akademie für Alte Musik Berlin

In Zeiten von Überqualifikation und Unterbeschäftigung, wo sich 17 Praktikanten pro Prosten auf den bewaffneten Nahkampf verlegen, tut es in gewissem Sinne wohl, zu wissen, dass sich auch die Kunstheroen um Stellen bewerben mussten – wie trist es auch grundsätzlich ist. Die Akademie für Alte Musik Berlin hat im Berliner Konzerthaus ein Programm präsentiert, das sich mit dieser wenig beachteten Rückseite der Musik beschäftigt. Als Probe aufs Exempel dient hier die Entscheidung um die Neubesetzung der Stelle des Thomaskantors zu Leipzig 1722/23. Da das eine spannende, verzettelt Sache ist, sei es hier kurz referiert.

Die Neubesetzung des Amtes, das nach und nach im Ansehen gestiegen war und von der Durchgangsstation zum Zielpunkt wurde, wurde mehr und mehr zu einer Befragung des Selbstverständnisses im Musikleben Leipzigs. Der Stadtrat tagte und tobte. Nach dem Tod von Johann Kuhnau, der seit 1701 Kantor gewesen war, musste der Titel neu vergeben werden, und man wartete nicht lange auf Initiativbewerbungen: Telemann wurde gebeten, sich zu bewerben. Johann Friedrich Faschs Bewerbung wurde ignoriert, Telemann kam außer Konkurrenz, sah und siegte. Aber die Hamburger wollten ihren Komponisten nicht gehen lassen, und hielten ihn mit Geld und erweiterten Amtskompetenzen. Nun kamen die Leipziger doch auf Fasch zurück – der konnte oder wollte nicht. Schließlich bewarben sich Christoph Graupner und Johann Sebastian Bach. Favorit Graupner wurde nach den Probegottesdiensten gewählt, aber sein Dienstherr in Darmstadt ließ ihn nicht gehen. Allen Vorbehalten der konservativen Kräfte zum Trotz wurde also Bach, von Köthen freigestellt, als vierte Wahl in das Amt bestellt. Damals waren dabei wohl viele außermusikalische Interessen im Spiel, aber in unserer Rückschau, in der Bach schon der große Bach ist, darf das durchaus als ein exquisiter Akt absurdes Welttheater gelten. Hierauf ein Programm aufzubauen ist ohne Zweifel eine glänzende Idee.

Zu hören waren nun nicht die Werke, mit denen sich die vier Komponisten beworben hatten – mehrere Gottesdienste hintereinander hielte kein Mensch in Kopf und Ohr aus. Stattdessen präsentierte die Akademie für Alte Musik Berlin  eine feine Auswahl von Instrumentalwerken, um der Handschrift jedes Komponisten Ausdruck und Raum zu geben. Da waren Faschs Ouvertüre in g-Moll, dessen teils raue Griffigkeit mitreißend gegeben wurde, und Graupners Ouvertüre in e-Moll für zwei vor dem Orchester solierende Oboi da selva, Waldoboen, die tiefer, dabei auch wärmer ausgerichtet sind, als die uns vertrauten Instrumente. Das zweite Werk Graupners, die Symphonie für zwei Hörner, Streicher und Continuo in C-Dur, zeigten Komponisten wie Interpreten von jener Brillanz, die die Verbindung des Wortes zur Lichthaltigkeit des Juwels deutlich macht: heiter, unprätentiös und von der Schönheit heller Jahreszeit. Das Profil des Stückes wurde reich und konzise gearbeitet, sodass der Unbeschwertheit der Interpretation Luft zum Atmen blieb.

Auch Georg Philipp Telemann war mit zwei Werken vertreten. Sein Konzert für vier Violinen ohne Bass geriet den Interpreten zum Wagnis, da die Geigerin Edburg Forck kurzerhand auf der Geige eines Kollegen spielte, da ihre eigene kurz vor dem Konzert zu Schaden gekommen war. Dennoch wurden Verve des Kopfsatzes und Filigran des zweiten Satzes bestechend gegeben, und der Klang der vier Geiger wuchs tatsächlich, wie es der Titel vorsieht, vom Kammermusikalischen ins Konzertante.

Telemanns 'Ouverture des nations anciens et modernes' ließ sich ganz auf den Humor dieser Komposition ein und in diesem aus. Telemann stellt hier drei Nationalcharaktere dar, je in Vergangenheit und Gegenwart, und in diesen Scherz eingearbeitet ist eine uns heute noch vertraute Denkfigur: die Alten waren langsam, die heutigen sind schnell, so schnell, dass es schneller gar nicht geht. Das wurde wirklich bravourös interpretiert, das Poltern und rasende Hasten der Deutschen, die torkelnde Trunkenheit der Dänen, all das entfächerte sich als musikalischer Bilderbogen, dessen kluge Übersetzung doch nichts zu direktes hatte.

Zum Abschluss erklang Bachs berühmtes 'Concerto nach italiaenischen Gusto', in einer Bearbeitung für Solovioline, Streicher und Bass von Václav Luks. Zwar fragte man sich kurz, wieso es Bearbeitungen braucht, wenn offensichtlich so viele Raritäten und wenig Bekanntes begeisternd vorgetragen werden können – aber die Bedenken schwanden in dem Maße, in dem das Vertrauen wuchs, dass es schon Sinn haben werde - oder aber keinen brauche. Konzertmeister Georg Kallweit brillierte hier als Solist, ebenso wie in der Zugabe, einem zweiten Satz aus einem Violinkonzert von Graupner.

Freude am Musizieren und am blanken Hören - das klingt trivial. Das mag daran liegen, dass dieser Eindruck und auch diese Praxis oft trivialisiert werden – aber das war an diesem Abend gerade nicht der Fall.

Titel: Die Kandidaten für das Leipziger Thomaskantorat : Akademie für Alte Musik Berlin

Ort: Konzerthaus

Datum: 06.01.2010

Werke von:

Johann Friedrich Fasch
Georg Philipp Telemann
Johann Christoph Graupner
Johann Sebastian Bach

Mitwirkende:

Akademie für Alte Musik Berlin (Orchester)

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