Basel > Musikakademie - 13.11.2009 Zum Gedenken an Ali Akbar Khan > Ken Zuckerman und Swapan Chaudhuri
Kritik von Toni Hildebrandt
Kein geringerer als der große Geigenvirtuose Yehudi Menuhin war es, der von Ali Akbar Khan sagte, er sei „the greatest musician in the world“. 1955 war Ali Akbar einer Einladung Menuhins in die USA gefolgt, um die klassisch nordindische Musik auch in der westlich geprägten Musikkultur bekannt zu machen. Es folgten interessante Filmmusik-Projekt mit James Ivory oder Bernardo Bertolucci, sowie Aufsehen erregende Konzerte mit Ravi Shankar beim „Concert for Bangladesh“, dem Jazzsaxophonisten John Hardy oder dem Tablavirtuosen Zakir Hussain.
In den 1960er Jahren gründete Ali Akbar Khan schließlich zwei der einflussreichsten westlichen Musikschulen, in denen die Tradition der nordindischen Musik gepflegt werden konnte. 1967 öffnete das Ali Akbar College of Music in San Rafael, Kalifornien und 1986 folgte die gleichnamige Akademie als Teil der Schola Cantorum Basiliensis. In vielen Sommerkursen unterrichtet Khansahib, wie ihn seine Schüler liebevoll nannten, und sorgte so dafür, dass Basel auch heute noch ein Zentrum der indischen Musikpflege darstellt. Am 19. Juni 2009 verstarb Ali Akbar Khan in Kalifornien im Alter von 85 Jahren – sein College in Basel wird nun von seinen Schülern weitergeführt.
Um an den großen Maestro der Sarod zu erinnern, fand am gestrigen Abend in der Musikakademie Basel ein bewegendes „Memorial Concert“ statt. Nach einführenden Dankesworten des Rektors Dr. André Baltensperger, wurde zunächst ein Dokumentar-Film gezeigt, der vor allem den "Lehrer Ali Akbar" vorstellte. Khansahib, der wie Ravi Shankar zu den wenigen Schülern des legendären bengalischen Hofmusikers Baba Allauddin Khan gehörte, unterrichtete noch in einer sehr strengen, autoritären, ja oft distanzierten Methode, die ihm jedoch ebenso geschickt und herzlich zu motivieren erlaubte.
Dass seine Lehrmethode von Erfolg gekrönt war, bewiesen im Anschluss an den Film seine beiden Schüler Ken Zuckerman und Swapan Chaudhuri. Zuckerman war ursprünglich nach Basel gekommen, um dort bei den größten Lautenisten unserer Zeit, Thomas Binkley, Eugen M. Dombois, Paul O’Dette und Hopkinson Smith Alte Musik zu studieren. Gleichzeitig begann er jedoch seit 1972 bei Zakir Hussain Rhythmik und bei Ali Akbar Gesang zu studieren. In über 37 Jahren erlernte er als engster Schüler von Khansahib die Kunst, die 25-saitige Sarod zu spielen bis zur Perfektion. Heute ist Ken Zuckerman Direktor des Ali Akbar College, sowie Dozent der renommierten Schola Cantorum Basiliensis, wo er neben der nordindischen Musik auch Improvisationskurse zu modalen Strukturen der alteuropäischen Musik leitet. Eine hoch gelobte Einspielung für Harmonia Mundi – „Meeting – Two Worlds of Modal Music“ (2004) – präsentierte erstmalig die faszinierenden Analogien zwischen der Klangwelt der indischen Ragas und den mittelalterlichen Gesängen des Gregorianischen Chorals oder einer Hildegard von Bingen.
Für das feierliche „Memorial Concert“ hatte Zuckerman ganz besondere „Ragas“ – das Wort im Sanskrit für die melodische Grundstruktur und Klangstimmung der Kompositonen in der indischen Musik – ausgewählt. Zur Einführung wurde ein solistischer „Raga Alag“ gespielt. Die Tonskala – vergleichbar mit den westlichen Kirchentonarten – und die Rhythmik (Tala) erzeugten hier einen seriösen, würdevollen Grundtenor. Im Verlauf einer harmonischen Steigerung setzte Zuckerman wenige, aber gezielte Ornamente, die stets in einer inneren Balance zu dem breiten Bogen der Komposition standen. Im zweiten, weitaus längeren Raga mit der Tabla-Begleitung von Swapan Chaudhuri präsentierte Zuckerman hingegen eines der originalen Meisterwerke von Ali Akbar Khan. Gleich vier verschiedene Raga-Stimmungen gingen hier in einer einzigartigen Komposition auf, die neben dem Pathos der Melodie vor allem das Gefühl eines inneren Friedens zum Ausdruck brachte. Die fein ziselierten Bögen des indischen Melos erzeugten ein hoch differenziertes Tonspektrum, dass bei aller Subtilität doch auch genügend Platz für die großartige Kantabilität der lautenähnlichen Sarod ließ. Ali Akbar Khan hatte in seinen „Lectures“ am Ali Akbar College in Basel stets den Stellenwert des aufmerksamen, hörenden Nachsinnens, des bewussten Aufgehens im Klang betont. Was die alten Griechen die „Akróasis“, die „Weltanhörung“ nannten, ließ sich auch im Duo von Ken Zuckerman und Swapan Chaudhuri vernehmen: der vollkommene Einklang von Körper, Geist und Seele in der meditativen Praxis der Musik. Durch die Vielfalt der Obertöne, Glissandi, Zwischentöne, Arpeggien und der zyklischen Talas konnte man nicht nur die Faszination der klassischen nordindischen Musik erleben, sondern auch eine Klangwelt erinnern, die in jedem einzelnen Ton die zeitlose Kunst und Tradition des Ali Akbar Khan zum Leben erweckte.
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