Essen > Zeche Zollverein (Schacht 12, Halle 14) - 24.10.2009 Ingolf Turban und 'I Virtuosi di Paganini' > Zollverein Konzerte - Halbjahr II/09
Kritik von Dr. Stefan Drees
Seit Jahren schon stellt der Geiger Ingolf Turban sein Können in den Dienst einer gewandelten Auffassung der Musik Niccolò Paganinis - einer Auffassung, die sich eben nicht im Vortrag von Virtuosen-Kunststücken erschöpft, sondern die musikalischen Werte dieses einzigartigen Schaffens ergründen möchte. So hat Turban nicht nur sämtliche sechs Violinkonzerte des Italieners eingespielt und diesen darüber hinaus schauspielerisch in dem Dokumentarfilm 'Paganinis Geheimnis' (2006) verkörpert; gemeinsam mit seinem aus jungen Solisten bestehenden Streichorchester I Virtuosi di Paganini bemüht er sich auch konstant darum, Paganinis weniger bekannten, kleiner dimensionierten Kompositionen Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit zu verschaffen. In dieser Mission war der Geiger am vergangenen Samstag im Salzlager der Kokerei auf Zeche Zollverein in Essen zu Gast und bot einem zwar leider nicht allzu zahlreichen, dafür aber umso begeisterungsfähigeren Publikum die Möglichkeit, das Komponieren Paganinis aus dem Kontext einer bereits im 18. Jahrhundert beginnenden und bis weit über dessen Tod hinaus reichenden Tradition virtuosen Violinspiels zu verstehen.
Von der ersten Minute an fesselte das Konzert durch ein exzellentes Zusammenspiel von Solist und Ensemble, basierend auf einem spürbaren musikalischen Vertrauensverhältnis zwischen den genau aufeinander reagierenden Partnern. Gleich beim Vortrag von Giuseppe Tartinis 'Teufelstriller'-Sonate, Prototyp virtuoser Barockmusik, wurden die Besonderheiten dieses gemeinsamen Musizierens deutlich: Einerseits ist Turbans Zugang geprägt vom Wissen um die Möglichkeiten, den originalen Notentext zu überschreiten, ihn aus dem Geist der Virtuosität heraus ganz individuell zu gestalten, zu verzieren und mit Kadenzen zu versehen - auf eine mit spontanen Tempovarianten und Verzögerungen arbeitende Art, die nur funktionieren kann, weil jede seiner Regungen von den Ensemblemusikern aufmerksam beobachtet wird. Andererseits werden die Werke grundsätzlich mit Ensemble musiziert, und zwar in ganz wunderbaren Arrangements, die Ensemblemitglied Holger Frey jeweils auf Grundlage der Originalbegleitungen für das Streichorchester angefertigt hat. In dieser Hinsicht besonders gelungen war die ideenreiche Übertragung von Tartinis Basso continuo in einen Orchestersatz, die das Werk ohne musikalische Einbußen in die Sphäre konzertanter Musik heben konnte.
Während Turban mit der 'Romanza senza parole' Es-Dur op. 23/1 von Paganinis Schüler Camillo Sivori seine Fähigkeit zur Gestaltung langer, vom Operngesang beeinflusster Kantilenen unterstrich, ließ der Geiger zum Abschluss des ersten Teils die Variationen 'Le Streghe' D-Dur op. 8 von Paganini hören und zeigte auch hierbei, worin die charakteristischen Eigenheiten seiner Interpretation bestehen: Die technischen Schwierigkeiten wurden mit dermaßen leichter Hand realisiert, dass die bei anderen Geigern in den Vordergrund tretende Virtuosität tatsächlich zu einem Mittel der Ausdruckssteigerung geriet, die ihre Fortsetzung in zahlreichen Subtilitäten beim Umgang mit Übergängen, Pausen und feinen klangfarblichen Details fanden. Dabei wirkte Turban vor allem auch durch die Gesamterscheinung seines Vortrags, indem er das immanent theatralische Element von Paganinis Musik aufgriff und - augenzwinkernd und mit erkennbarer Spielfreude, aber dennoch ohne jegliche Übertreibung - ins Visuelle hinein fortsetzte.
Der zweite Teil des Konzerts bot mit Eugène Ysaÿes 'Exil!' op. 25 - einem sehr selten gespielten 'Poème symphonique' für Streichorchester ohne Bässe - zunächst dem Ensemble die Möglichkeit, seine Klangkultur und Gestaltungsfähigkeiten unter Beweis zu stellen. Im Anschluss daran entfaltete Turban mit Paganinis 'Sonata sulla Preghiera del Mosè' und Pablo de Sarasates ‚Carmen-Fantasie' op. 25 erneut ein Feuerwerk an gestalterischem Können, das sich an den unterschiedlichsten Aufgabenstellungen entzündete. Mit der Zugabe, Paganinis zartem 'Cantabilie' D-Dur, rückte er abschließend, ganz auf die melodische Erfindungskraft des Komponisten vertrauend, noch einmal den Aspekt des Gesangs in den Mittelpunkt. Für diesen außerordentlich gelungenen Abend gebührt zwar vor allem Turban und den 'Vituosi' ein großes Lob; doch zugleich bleibt auch das Engagement der Veranstalter zu würdigen, die - der Konkurrenz mit dem Programm der Philharmonie Essen zum Trotz - immer wieder solche aufregende Interpreten nach Zollverein einladen.
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