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Veranstaltungskritiken

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Hagen > Theater - 05.09.2009
'Street Scene' (Kurt Weill) > Florian Ludwig / Roman Hovenbitzer

Kritik zu 'Street Scene' (Kurt Weill) (Theater Hagen)

Ein wunderbarer Theaterabend

Kritik von Dr. Stefan Drees

Kurt Weills amerikanische Werke haben es immer noch schwer auf den deutschen Bühnen. Was in größeren Häusern relativ selten vorkommt, hat jetzt das Theater Hagen – damit die erste Premiere der noch jungen Saison 2009/10 präsentierend – auf höchst überzeugende Weise geleistet: das 1947 am Broadway uraufgeführte Bühnenwerk 'Street Scene' in einer rundum ansprechenden Inszenierung auf die Bretter zu stellen und damit zu zeigen, wie fesselnd dieser dramaturgisch schlüssige Zweiakter doch sein kann. Mit dieser Wahl setzt man eine viel beachtete, 2007 mit 'Dead Man Walking' von Jake Heggie begonnene und in den folgenden Jahren mit Kompositionen wie Leonard Bernsteins 'West Side Story', André Previns 'Endstation Sehnsucht' und Daniel Catáns 'Salsipuedes' fortgesetzte Reihe von Musiktheaterkompositionen amerikanischer Provenienz fort. Mit der neuen Produktion (in der deutschen Übertragung von Lys Symonette gesungen) beweist das Theater Hagen nicht nur die Bühnentauglichkeit von Weills Werk, sondern legt auch – im Vorfeld des Kulturhauptstadtjahrs 2010 – eine ganz besondere Visitenkarte vor, die das Haus als eine der wirklich sehenswerten Spielstätten im Ruhrgebiet ausweist.

'Street Scene', vom Komponisten ausdrücklich als 'Oper am Broadway' ausgewiesen, markiert Weills bedeutsamen (für nachfolgende Werke wie jene von Leonard Bernstein zudem sehr folgenreichen) Schritt in die Richtung einer genuin amerikanischen Oper. Die Wirkung des Stücks stützt sich auf eine gleichsam natürliche Verbindung zwischen Drama und Musik, die gesprochene Dialoge, mu­sikunterlegte Sprache und gesungene Passagen als organisch miteinander ver­bunden erscheinen lässt. Der sozialkritische Ansatz des Librettos von Langston Hughes, basierend auf einem preisgekrönten Theaterstück von Elmer Rice, ermöglichte dem Komponisten die Zusammenfassung unterschiedlicher mu­sikalischer Ausdrucksformen, die ihr Potenzial aus populären Musikformen ebenso wie aus dem Idiom von Kinderliedern oder der reichen europäischen Operntradition zog. Dabei gerät 'Street Scene' gerade aufgrund der Konfrontation von Figuren diverser Nationaliäten innerhalb einer Hausgemeinschaft zu einem Mikrokosmos, in dem die Konflikte des Miteinanderlebens eine Verallgemeinerung erfahren, die weit über die im New York der 1940er Jahre angesiedelte Geschichte hinausreichen.

An diesem Punkt setzt die gelungene Inszenierung von Roman Hovenbitzer an und ermöglicht durch ihr relativ neutrales Bühnenbild und trotz der im Text immer wieder vorkommenden Verweise auf den amerikanischen Hintergrund der Geschichte eine Übertragung auf die aktuelle Gegenwart des Ruhrgebiets (eine Assoziation, die durch im Programmbuch abgedruckte Zeitungsausschnitte aus der örtlichen Presse unterstrichen wird). Die Bühne, schon beim Betreten des Zuschauerraums durch alltägliche Aktivitäten bespielt und damit den Eindruck vermittelnd, als klinke man sich von außen in einen normalen Tagesablauf ein, zeigte den stilisierten Eingangs- oder Innenhofbereich eines Wohnblocks, dessen oberer Teil bei entsprechender Beleuchtung den Blick in die Wohnräume der Maurrants freigibt oder auch von außen als Projektionsfläche für gelegentliche Videozuspielungen (von Thorsten Alick und Andreas J. Etter) dient. Diese sind nicht etwa eine überflüssige Zutat, sondern erweisen sich als intelligent genutzte Möglichkeit, dem Publikum Einblicke in das Innenleben der Protagonisten zu geben, wodurch die vordergründig sichtbaren Vorgänge eine Tiefendimension erhalten, die wesentlich zur Profilierung der Charaktere beiträgt.

Davon profitiert insbesondere die Figur von Anna Maurrant, der tragischen Protagonistin des Stücks, die von Dagmar Hesse in überragender, gesanglich wie darstellerisch außerordentlich facettenreicher Gestalt als Hausfrau zwischen Träumen und Alltagsrealität dargestellt wurde und in ihrem gleichermaßen tyran­nischen und brutalen wie rassistischen Ehemann Frank, dargeboten von Rolf A. Schneider, ihr Pendant erhielt. Auch die übrigen Beteiligten zeichneten sich durch gute bis sehr gute Leistungen aus, allen voran Kristine Larissa Funkhauser (als Rose Maurrant) und Michael Suttner (als Sam Kaplan), die vor allem in ihren von Liebe und Hoffnung geprägten Duettpassagen überzeugten, aber auch Nicole Nothbaar als polnische Imigrantin Olga Olsen oder Frank Dolphin Wong als Haus­meister Henry Davis. Hinreißend gerieten darüber hinaus die zum Teil unter Mitwirkung von Chor, Extrachor und Kinderchor gestalteten Ensembleszenen, aus denen der ausschließlich den Kindern und Jugendlichen vorbehaltene Beginn des zweiten Aktes besonders herausragte. Besondere Erwähnung verdienen schließlich Alexander Soehnle und Marysol Ximénez-Carrillo, die (als exzentrisches junges Paar Dick McGann und Mae Jones) ein erotisch aufgeladenes und tänzerisch hervorragend choreografiertes Duett hinlegten.

Spätestens mit den lasziven Bigband-Klängen dieser Nummer war auch von Seiten des Orchesters das Eis gebrochen: Zeigten sich die Musiker des Philharmonischen Orchester Hagen unter Leitung ihres GMD Florian Ludwig anfangs noch etwas nervös und ließen es dabei sowohl ein wenig an Präzision wie auch an rhythmischem Gefühl fehlen, gewannen sie im weiteren Verlauf immer mehr Sicherheit und fanden schließlich immer müheloser in den richtigen Tonfall hinein. Wie Ludwig an den entsprechenden Stellen des Werkes die dramatische Dichte der Partitur betonte und die Orchesterschläge förmlich aus dem Klangkörper herausmeißelte, wie er anderseits die melodischen Kantilenen machtvoll aufblühen ließ oder auch – etwa im ersten Duett von Rose und Sam – die von Weill gesetzten Klangfarben subtil herausarbeitete, machte deutlich wahrnehmbar, zu welchen Leistungen er die Musiker hinzureißen vermag. Auch dies trug entscheidend zu dieser geglückten und vom Publikum bejubelten Premiere bei.

Titel: 'Street Scene' (Kurt Weill): Florian Ludwig / Roman Hovenbitzer

Ort: Theater

Datum: 05.09.2009

Werke von:

Kurt Weill

Mitwirkende:

Philharmonisches Orchester Hagen (Orchester)
Kristine Larissa Funkhauser (Solist Gesang)

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