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Samstag, 2. Juli 2016

Bachwoche Ansbach – neue Aspekte für 2007

Fantastische Klanglandschaften

Der Wechsel in der Intendanz bei der Bachwoche Ansbach hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack.

Das hat es bis jetzt in der 60-jährigen Tradition der AnsBACHwoche noch nicht gegeben: eine Intendanten-Zeit, die gerade mal drei Spielzeiten währte. Bekanntlich wurde Lotte Thaler, Leiterin der Sparte Kammermusik beim SWR Baden-Baden, 2001 zur künstlerischen Leiterin und Geschäftsführerin der Bachwoche bestellt. Mit einer abwechslungsreich gestalteten, auf ein breiteres Publikum zielenden programmatischen Konzeption gewann das Festival nach einer Zeit des Stillstandes zusehends Profil. Auch das Erscheinungsbild wurde moderner, dynamischer gestylt. Als Lotte Thaler 2006 für längere Zeit erkrankte, ließ sie durch ihr Büro ausdrücklich wissen, dass sie nach Wiedergenesung in jedem Falle ihre Arbeit fortsetzen wolle. Von den Vorständen Carl-L. von Boehm-Bezing und Günter Fabricius wurde dies wohlwollend zur Kenntnis genommen und eine Option für die Verlängerung ihres Vertrages über das Jahr 2007 in Aussicht gestellt.

Gleichwohl wurde einer Pressemeldung zufolge Andreas Bomba im April 2006 zum neuen Intendanten bestellt. Lotte Thaler wurde zwar von der Geschäftsführung, aber nicht von der künstlerischen Leitung entbunden. Damit schlitterte die Bachwoche Ansbach GmbH vertragsrechtlich in eine brisante juristische Situation. Denn de facto war die Bachwoche nach der Ernennung von Andreas Bomba nun mit zwei Intendanten besetzt - einmal mit Lotte Thaler (ihr Vertrag lief noch bis Ende 2007) und mit Andreas Bomba. Die Konstellation löst Erstaunen aus. In der Pressekonferenz fanden sich aufgrund bohrender Nachfrage eines Pressevertreters der Geschäftsführer der „Freunde der Bachwoche Ansbach e. V.“ Günter Fabricius sowie Ansbachs Oberbürgermeister Ralf Felber nur zögerlich zu einer Auskunft bereit, verbunden mit dem Eingeständnis, dass man wohl juristisch ins Fettnäpfchen getreten war und die Sache – wie heute in vertraglicher Praxis so üblich – finanziell zu regulieren wusste. Aus anderer gut unterrichteter Quelle verlautete: Es sei für die Bachwoche keine billige Lösung gefunden worden“. So gesehen bleibt es ein Rätsel, warum die Bachwoche die finanzielle Ablöse einem regulären Vertragsende 2007 vorgezogen hat.

Der „Fall“ Lotte Thaler hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack. Warum war die Intendantin in Ungnade gefallen? Hatte es das weibliche Element auf Dauer schwer, die organisatorischen, letztlich auch innovativen künstlerischen Konzeptionen gegen die an der Spitze der Gremien agierenden männlichen Persönlichkeiten durchzusetzen? Oder war da gar Mobbing im Spiel? Bomba bestreitet allerdings jede Beteiligung an einem Putsch, betont in einem Interview mit der Nürnberger Zeitung, dass er in keinem Fall die treibende Kraft gewesen sei. Er habe mit der Intendantin im Zusammenhang mit einführenden Vorträgen und Verfassen von Texten für die Programmhefte vertrauensvoll zusammengearbeitet. Entgegen der Äußerung des neuen Intendanten in der Pressekonferenz, die Planung für die bevorstehende Bachwoche sei nur zu 40 % durch die Intendantin vorgenommen worden, legt Lotte Thaler auf die Feststellung wert, dass bis auf wenige Ausnahmen das komplette Programm (zu 95 %) von ihr bestückt worden war.

Wie geht es weiter in Ansbach? Tragende Säulen bilden die Orchesterkonzerte in der Orangerie. Angesagt haben sich u. a. Trevor Pinnock mit seinem neu formierten Brandenburg Orchestra, Münchens Kammerorchester und „The English Concert Choir and Orchestra“ sowie das Bach-Collegium München mit Florian Sonnleitner, Violine und Flötist Andras Adorján.

Auch hoch motivierte junge Leute geben sich ein Stelldichein, z. B. der aufstrebende Cellist Johannes Moser. Als schöner Beweis, wie reizvoll die Auseinandersetzung mit Bach für die jüngere Musikergeneration sein kann, mag das Forum gelten, das künftig Preisträgern von Wettbewerben gewährt wird – 2007 dem Cembalisten Jörg Halubek (Leipziger Bachpreisträger) sowie dem frischgebackenen Sieger des Pachelbel-Wettbewerbs, der anlässlich der Internationalen Orgelwoche in Nürnberg im Juni 2007 ermittelt wird. Apropos Orgel: mit vier Recitals soll sie ins Zentrum der Bachwoche 2007 rücken, nachdem die rekonstruierte 47 Register umfassende Wiegleb-Orgel in St. Gumbertus spielbereit sein wird.

Dass es ein Bach-Verständnis ohne Kenntnis des Kantatenwerkes nicht geben kann, dürfte das „Heimspiel“ des Windsbacher Knabenchores mit Karl-Friedrich Beringer und den Deutschen Kammer-Virtuosen Berlin ins Bewusstsein der Hörer rücken. Mit Spannung erwartet Ansbach den Auftritt des Bachcollegiums Japan unter der Leitung von Maasaki Suzuki. In die illustre Solistengarde reiht sich der Pianist Evgeni Koroliov mit Französischen Suiten sowie Ravel, Debussy und Rameau-Programm. Der Pianist tritt des öfteren in der Bach-Akademie Stuttgart auf.

Einen zeitgenössischen Kontrapunkt setzt die Hindemith-Preisträgerin Lera Auerbach mit ihrer Komposition „Partita für Violine solo“ interpretiert von Vadim Gluzman. Auf der populären Schiene feiert Jacques Loussiers Oldtimer „Play Bach“ Comeback.

Dass der AnsBACHtag mit Kinderkonzert, in diesem Jahr auch mit Orgelprobe und Konzerten in der Synagoge, zum gelungenen, von Lotte Thaler initiierten Face-Lifting der Bachwoche gehört, dafür steht die positive Resonanz in den letzten Jahren. Bayern4Klassik (Studio Franken) lädt mit „Fantasie“ in die Karlshalle zu einer Wanderung durch Klanglandschaften in Gestalt eines Live-Features ein.

von Prof. Prof. Egon Bezold

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